Erinnerungen, die durch Musik lebendig werden
Musik spielte durch die Jahrzehnte hindurch eine wichtige Rolle für sie, beschreibt Inge, eine Teilnehmerin der Lebenslieder-Gruppe. Wenn sie erzählt, schwingt Zufriedenheit mit, auch mit Blick auf über 70 Jahre mit ihrem Partner. „Ich bin dankbar, trotz mancher Krankheiten und Verluste“, sagt sie. Musik ist für sie wie ein Schlüssel zu ihren Erinnerungen: Beim Volkslied „Wenn alle Brünnlein fließen“ tauchen Bilder ihrer Jugendzeit in Speyer auf. Das Kirchenlied „Befiehl du deine Wege“ hat ihr über viele Jahre Zuversicht gegeben. Und wenn „Der Mond ist aufgegangen“ erklingt, denkt sie daran, wie sie ihre Enkelkinder ins Bett gebracht oder das Lied mit ihrem Mann gesungen hat. Auch öffentliche Auftritte sind ihr nicht fremd: Mit ihrem Chor stand sie einst auf der Bühne, etwa bei Aufführungen klassischer Werke. Entsprechend überwiegt bei ihr nicht die Aufregung, sondern die Vorfreude auf das Konzert am 29. April.
Ein Projekt gibt älteren Menschen eine Stimme
Das Projekt „Lebenslieder“ rückt Menschen wie die über 90-jährige Inge in den Mittelpunkt, die im Alltag sonst oft nur wenig Gehör finden. Viele Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen können nicht selbstverständlich am kulturellen Leben teilnehmen. Hier setzt die Initiative an: Über drei Monate hinweg wurden im Martinsstift biografisch wichtige Lieder gesammelt, dabei Erinnerungen geteilt und dann gemeinsam ein Programm entwickelt.
Kirchenmusik neu gedacht
Arno Krokenberger, Kantor im evangelischen Dekanat Mainz, beschreibt seinen Ansatz so: „Ich habe mir vorgenommen, Kirchenmusik neu zu denken – nicht nur in den Notenschrank zu greifen, sondern Gespräche zu führen, Menschen erzählen zu lassen, ihre Lieder zu entdecken oder auch gemeinsam zu komponieren.“ Gemeinsam mit Joachim Sallmann vom Sozialdienst des Hauses in der Neustadt entstand so ein Projekt, das Musik und Lebensgeschichten kombiniert, als Kooperation der Evangelischen Kirchengemeinde Mainz-Innenstadt und des Mission Leben-Altenpflegeheims.
Zwischen Freude und schweren Erinnerungen
Die ausgewählten Lieder erzählen nicht nur von Schönem, sie berühren auch schwere Kapitel. So ist etwa das „Ostpreußenlied“ für viele ein Ausdruck von Sehnsucht nach einer verlorenen Heimat. Nun wird es mit einer kritischen Perspektive gesungen, verbunden mit Erinnerungen an in jungen Jahren erlebte Erfahrungen von Krieg und Flucht. „Uns war wichtig, respektvoll und behutsam vorzugehen“, betont Arno Krokenberger, mit Blick auf ambivalente Erlebnisse. Generell kann Musik vielfältige Erinnerungen wecken, ob an Kindheit und erste Liebe oder auch an Brüche. „So leb dein Leben“ lautet die dazu passende Botschaft der Version von „My Way“, in der es heißt „du weißt, dein Lebensweg war manchmal krumm und manchmal eben“.
Gemeinschaft durch Singen und Zuhören
Unterstützt werden Gruppe und Publikum von Tamara Kalbfuß und Marcus Frankenbach, die mit spürbarer Begeisterung zum Mitsingen anregen. Bewegende Momente gibt es auch beim Zuhören und Genießen, so beim Solo von Alois, mit Klavierbegleitung. „Dein ist mein ganzes Herz“ singt er aus tiefster Seele und denkt dabei an seine Frau: „Sie ist immer noch in meinem Herzen“, sagt der ältere Herr, der viele Jahre im Männergesangverein aktiv war. Barbara, eine Frau aus der Gruppe, wählte mit „Maria durch ein Dornwald ging“ ein ruhiges, adventliches Lied. Für sie ist entscheidend, Musik nicht nur zu hören, sondern innerlich zu spüren. Und Anita bringt mit dem Fastnachtslied „Im Schatten des Doms“ ihre Verbundenheit zu ihrer Heimatstadt zum Ausdruck: „Was will ich mehr“, strahlt sie, „in Mainz fühle ich mich glücklich und wohl.“
Ein Mitsing-Konzert als Höhepunkt
Das Konzert bildet den Höhepunkt des Projekts. Am 29. April von 15.30 bis 16.30 Uhr werden die Lebenslieder in der Christuskirche Mainz präsentiert. Geplant ist ein Mitsing-Konzert, bei dem das Publikum nicht nur zuhört, sondern eingeladen ist, einzustimmen. Der Eintritt ist frei, besonders angesprochen sind auch Bewohnerinnen und Bewohner anderer Pflegeeinrichtungen und alle Interessierten. Im Kirchenraum, begleitet von weiteren Musikerinnen und Musikern, soll ein Erlebnis entstehen, das dazu anregen kann, eigenen Lebensliedern nachzuspüren.
Ein Blick in die Zukunft
Arno Krokenberger bleibt auch darüber hinaus wichtig, dass Menschen sich gesehen und gehört fühlen – mit der ganzen Bandbreite ihrer Erlebnisse und Erfahrungen, Gedanken und Gefühle. Die Resonanz bestärkt den 33-Jährigen, auch in Zukunft ähnliche Formate zu entwickeln, gern auch mit weiteren gesellschaftlichen Gruppen, mit ihren Geschichten und Lebensliedern.