Mainz. „Der Ruhestand löst gemischte Gefühle aus“, sagt Sander über den Übergang. „Ich bin wehmütig, freue mich aber auch auf den neuen Lebensabschnitt.“ Nach fast 40 Jahren intensiver Arbeit mit jungen Menschen hat er diesen Schritt bewusst gewählt. Er zieht in die Pfalz, lässt aber vieles zurück, was ihm ans Herz gewachsen ist.
Wandel der Strukturen – neue Wege in der Jugendarbeit
Als Sander 1989 nach Mainz kam, war die personelle Lage eine andere: 14 Mitarbeitende im gemeindepädagogischen Dienst kümmerten sich um Kinder- und Jugendarbeit. Heute sind es nur noch zweieinhalb Stellen. Die strukturellen Veränderungen der letzten Jahrzehnte haben die Bedingungen stark verändert. Doch statt zu klagen, setzte Sander mit dem Team des Stadtjugendpfarramts neue Akzente – vor allem durch die Stärkung übergemeindlicher Angebote. Ein Meilenstein war die Einführung der Konfi-Tour. Jedes Jahr fahren 150 Mainzer Konfirmand*innen für vier Tage weg, begleitet von über 40 Teamer*innen und Pfarrpersonen. Formate wie Konfi-Partys, Konfi-Tage und die Konfi-Tour schaffen einfache Zugänge für Jugendliche und wecken Interesse an weiterem Engagement. Rund zehn bis fünfzehn Prozent eines Jahrgangs entscheiden sich danach für die Jugendleiter*innen-Ausbildung. „Die erleben die jungen ehrenamtlichen Teamer*innen und denken: Das will ich auch machen“, erklärt Sander. Diese nachhaltige Nachwuchsarbeit ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer klaren Strategie: Jugendliche werden ernst genommen, begleitet und entsprechend ihrer Stärken gefördert.
Die Basis für seine langjährige Tätigkeit war die vertrauensvolle und gute Zusammenarbeit im Team, in dem sich unterschiedliche Kompetenzen und Berufsgruppen sehr gut ergänzt und dazu beigetragen haben, dass eine gut funktionierende Konzeption entwickelt und in die Jugendarbeitspraxis umgesetzt werden konnte.
Mehr Mitbestimmung für junge Menschen
In den letzten 15 Jahren hat auch der Jugendverband an Profil gewonnen. Die Evangelische Jugend wird im Dekanat heute als eigenständige Stimme wahrgenommen. Ihre Beteiligung an Bewerbungsverfahren und Gremien zeigt die gewachsene Anerkennung. Dass aktuell vier junge Menschen aus Mainz im landeskirchlichen Vorstand mitwirken, nennt Sander „sensationell“. Seine Rolle als Geschäftsführer der Evangelischen Jugend beschreibt er bescheiden: „Die haben viele eigene Ideen. Meine Aufgabe war es, sie bei der Umsetzung zu unterstützen und Möglichkeiten zu schaffen.“ Für ihn war entscheidend, dass Jugendliche Verantwortung übernehmen und Gestaltungsspielräume nutzen. Seine Arbeit basierte auf drei Grundsätzen: Gemeinschaft schaffen, sinnstiftendes Engagement fördern und Lernen mit Freude verbinden. „Ich glaube, wir als Kirche bieten eine besondere Form von Gemeinschaft“, sagt er rückblickend.
Glaube im Alltag und interreligiöser Dialog
Ein zentrales Anliegen war ihm stets, die religiöse Sprachfähigkeit junger Menschen zu fördern. Glaube, so Sander, dürfe nicht abstrakt bleiben, sondern müsse „mit ihrem Leben zu tun haben und eine Hilfe sein“. Besonders eindrücklich sind ihm die interreligiösen Begegnungen mit muslimischen Jugendverbänden in Erinnerung: gemeinsames Fastenbrechen, gemeinsames Backen im Advent, ehrliche Gespräche über Fremdheit und Gemeinsamkeiten. „Das waren die spannendsten Momente“, sagt er. Aushalten, dass manches fremd bleibt – und dennoch freundschaftlich verbunden sein.
Ein Vermächtnis, das weiterwirkt
Mit seinem Engagement, seiner Haltung und seinem Vertrauen in junge Menschen hat Uli Sander die evangelische Jugendarbeit in Mainz nachhaltig entwickelt. Was er aufgebaut hat, wirkt weiter – in starken Strukturen und in einer Generation junger Menschen, die gelernt hat, Verantwortung zu übernehmen.